Das erfolgreichste Startup Deutschlands sitzt in Leipzig

06 March 2019

Das erfolgreichste Startup Deutschlands sitzt in Leipzig – je nach Startup Definition

Oft bekomme ich von Journalisten, Forschern und Startup-Interessierten aus der ganzen Welt die Frage gestellt, welches das erfolgreichste Startup in Leipzig oder gleich in ganz Deutschland ist. Die Antwort auf diese Frage fällt nicht nur aufgrund der Schwierigkeit „Erfolg“ zu definieren oder zu messen schwer, sondern vielmehr auch weil der Begriff des Startups so unterschiedlich verwendet und verstanden werden kann. Zwar redet aktuell in Medien und Wirtschaft jeder gern von Startups, doch eine allgemeingültige und breit akzeptierte Definition fehlt. Die Probleme fehlender Definitionen will ich anhand ein paar praktischer Beispiele und Anekdoten aus meinem Berufsleben kurz zeigen.

Je nach Definition des Startup-Begriffs sitzt jedoch eines der erfolgreichsten Startups Deutschlands in Leipzig. Es bricht mit bestehenden Regeln und wächst seit wenigen Jahren kontinuierlich stark. Gegründet 2009 als Verein und seit 2014 als RasenBallsport Leipzig GmbH eingetragen, ist der RB Leipzig der erfolgreichste Aufsteiger aller Zeiten im Milliardenmarkt Profi-Fussball. Auch Liga-Konkurrenten bezeichnen RB Leipzig als Startup.

Doch ist RB Leipzig tatsächlich ein Startup? Dazu will ich mir ein paar der unterschiedlichen Definitionsansätze des Begriffs Startup etwas genauer ansehen.

Der Deutsche Startup Monitor definiert Startups in seiner Studie wie folgt:

  • Unternehmen jünger als 10 Jahre: mit der Gründung im Jahr 2009 erfüllt RB Leipzig dieses Kriterium eindeutig.
  • Signifikantes Mitarbeiter- oder/und Umsatzwachstum: Während zum Umsatz von RB Leipzig keine genauen Angaben zu finden sind, kann ausgehend von den Umsätzen aller Bundesligisten der Saison 2015 mindestens von einem hohen zweistelligen Millionenbetrag ausgegangen werden. Die Mitarbeiterzahl betrug Medienberichten zufolge an Spieltagen letzte Saison bereits mehr als 1400 Mitarbeiter. Fest angestellt sollten nach dem Aufstieg in die Bundesliga und dem Kauf der Red Bull Arena mindestens 400 bis 600 Mitarbeiter sein. Auf jeden Fall dürfte das Kriterium erfüllt sein.
  • Innovatives Geschäftsmodell oder/und Technologie: Hier ist die Definition am ungenausten, denn insbesondere was „innovativ“ ist eher eine subjektive inschätzung. Dass RB Leipzig einen neuen Ansatz im Fussballgeschäft verfolgt, zeigt sich nicht zuletzt an der Kritik aus Richtung von sogenannten Traditionsvereinen am „Projekt“ RB Leipzig. Auch im Bezug auf die Lösung verschiedener regulativer Beschränkungen (z.B. 50+1 Regel, Namensgebung, Mitbestimmung) fand RB Leipzig bisher recht kreative Lösungswege. Insofern geht RB Leipzig in der Tat neue Wege, lotet die Grenzen des Machbaren aus und verfolgt damit ein innovatives Geschäftsmodell.

Der Definition des Deutschen Startup Monitor folgend, könnte man RB Leipzig tatsächlich als Startup definieren. Eine alternative Definition, welche vor allem im angelsächsischen Raum verwendet wird, stammt von Eric Ries:

  • Ein Startup is a human institution designed to create a new product or service under conditions of extreme uncertainty”. Dass es sich bei RB Leipzig um ein neues Produkt/eine neue Marke handelt kann man durchaus bestätigen und genau das wird ja von vielen Fussballfans anderer Vereine kritisiert. Auch das Risiko des Scheiterns war im Startjahr 2009 sehr groß, denn unklar war ob sich eine aktive Fan- und Kundenszene finden würde und ob sich sportlicher Erfolg einstellt. Damit könnte man RB Leipzig auch gemäß dieser Definition als Startup bezeichnen.

Y Combinator Mitgründer und Silicon Valley Veteran Paul Graham reduziert Startups sogar komplett auf Wachstum:

  • A startup is a company designed to grow fast. Being newly founded does not in itself make a company a startup. Nor is it necessary for a startup to work on technology, or take venture funding, or have some sort of „exit.“ The only essential thing is growth.“ Wie zuvor erläutert wäre RB Leipzig mit dem Wachstum der vergangenen paar Jahre ein Paradebeispiel eines Startups in diesem Sinne. Allein die Entwicklung der Kundenzahl, beispielhaft gemessen anhand der durchschnittlichen Zuschauerzahl im Stadion, stieg seit Gründung von 2.150 auf 41.639 pro Spiel.

Lediglich wenn man den Startup-Begriff in direkten Bezug zur Verwendung neuer Technologien stellt, wie es etwa die US Small Business Administration macht, fällt die Zuordnung von RB Leipzig als Startup strittig aus:

  • “The term startup is also associated with a business that is typically technology oriented and has high growth potential. Startups have some unique struggles, especially in regard to financing.” Zwar ist RB Leipzig kein Technologieunternehmen, wächst aber dennoch stark. Sogar das Merkmal eines externen, renditeorientierten Investors ist mit dem Getränkekonzern Red Bull des Österreichers Dieter Mateschitz erfüllt und treibt die Sorgenfalten auf die Stirn von Fussball-Traditionalisten. Immerhin zwei Drittel der Kernelemente dieser Definition sind damit auch erfüllt.

Basierend auf einigen Definitionen könnte RB Leipzig also tatsächlich als Startup durchgehen.

Damit wäre tatsächlich eines der aktuell erfolgreichsten Startups Deutschlands im schönen Leipzig angesiedelt. Doch ist RB Leipzig wirklich das Unternehmen welches wir uns vorstellen, wenn wir von „Startups“ sprechen? Bei mir bleibt jedenfalls ein mulmiges Gefühl bestehen und ich würde beim Begriff Startup nicht unmittelbar an RB Leipzig denken.

Doch warum ist es überhaupt relevant was ein Startup ist und was nicht? Die Antwort ist recht einfach: viele Forscher, Journalisten und Politiker beschäftigen sich heute mit Startups und sogar in TV-Sendungen springen zur Prime-Time Startup-Gründer im Fernsehen herum und verbreiten die dargestellte Auffassung von Startups. Doch besteht nicht die Gefahr, dass wir bei unklaren Begrifflichkeiten falsche Schlussfolgerungen ziehen? So könnten doch insbesondere bei der politischen Gestaltung von Gesetzen und Förderprogramme falsche Definitionen zu Ineffizienzen und Fehlentscheidungen führen? Können schwammige Definitionen in der Wissenschaft nicht dazu führen, dass falsche Erkenntnisse und Schlussfolgerungen gezogen werden? Verbreiten Medien nicht möglicherweise falsche Informationen, wenn sie sich nicht ausreichend mit dem Begriff auseinandersetzen? Das Beispiel eines Gesprächs mit einer Journalistin eines wichtigen deutschen Wirtschaftsmagazin im SpinLab verdeutlicht dies: auf die Frage wieviele Startups es wohl in Leipzig gäbe, antwortete ich etwas bescheiden „rund 100“. Sichtlich irritiert sah die Reporterin bereits ihren Artikel über die aufstrebende Startup-Szene der Stadt in Gefahr, erschien ihr doch die Zahl im Vergleich zur ihr erst neulich genannten Zahl von 5000-7000 Startups in Berlin geradezu mickrig. War der Artikel gar überflüssig? Doch als ich auch ihr das Beispiel von RB Leipzig gab, begann Sie das Problem der Reduktion auf Zahlen und allzu kurze Fakten zu verstehen. Sicher gibt es in der Hauptstadt Berlin ein Vielfaches der Startups in Leipzig, aber wahrscheinlich liegen beiden Zahlen auch unterschiedliche Auffassungen zugrunde.

Welche Unternehmen sind denn dann nun eigentlich Startups?

Die Realität von Startups bzw. jungen Unternehmen ist zu komplex um eine einfache, allgemeingültige Definition zu geben. Schon allein die Übersetzung des englischen Begriffs Startup ins Deutsche fällt uns so schwer, dass wir doch meist gleich beim englischen Begriff bleiben. Verwendet man den Begriff „Startup“ also allzu locker im falschen Kontext in Politik, Medien und Forschung könnten falsche Assoziationen und unterschiedliche Verständnisse des Begriffs zu ungewollten Folgen führen. Auch Startup-Initiativen wie Startup-Wettbewerbe, Acceleratoren, Verbände oder Rankings adressieren womöglich ungewollte Unternehmen. In der Realität können junge Unternehmen auf vielfältige Weise entstehen, wie einige exemplarisch herangezogene Grenzfälle zeigen sollen:

  • Viele kluge und innovative Ideen scheitern bereits in den allerersten Schritten vor der Gründung an Kapitalbeschaffung, Teamzusammenstellung oder rechtlichen Hürden. Waren dies bereits Startups?
  • Forschungsprojekte aus Hochschulen können zu Gründungen führen. Kann man bereits vor der Gründung eines Unternehmens von Startups sprechen? Ändert sich diese Einschätzung, wenn millionenschwere Förderprogramme wie etwa der EXIST Forschungstransfer im Spiel sind?
  • Company Builder wie Rocket Internet gründen Unternehmen am Fließband und stellen oft Kapital, Know-How und oft sogar die Idee zur Verfügung. Die Gründer halten teils Anteile im einstelligen Prozentbereich. Handelt es sich um Startups oder etwa nicht?
  • Viele junge Unternehmen entstehen als Ausgründungen von Agenturgeschäftsmodellen und Projektdienstleistern im IT-Bereich oder von Konzernen. Oft halten diese alle Anteile am neuen Unternehmen. Startup, oder nicht?
  • Mangels Kapital verkaufen viele junge Digital-Unternehmen trotz Skalierungspotential (Entwicklungs-)Dienstleistungen um ausreichend Liquidität für Erhalt und Wachstum ihrer Unternehmen zu sichern. Ab wann wird aus einem Startup ein Agentur-Geschäftsmodell?
  • Gerade im Bereich eCommerce verschwimmt der Startup-Begriff zusehends. Mit technischen Möglichkeiten durch Shop-Systeme wie Magento oder WooCommerce ist die Gründung eines Onlinehandels heute einfacher denn je. Das Wachstumspotential im Internet ist ohnehin gigantisch. Doch wird damit jeder eCommerce-Shop automatisch ein Startup? Ändert sich die Einordnung, wenn innovative Produkte online verkauft werden? Kann ein reiner Ebay-Händler ein Startup sein – zeigen doch Beispiele wie das Leipziger Unternehmen Phonenatic mit über 60 Mitarbeitern nach vier Jahren, dass Wachstum für ebay- und Amazonhändler sehr stark sein kann?
  • Einige ältere Unternehmen gelten heute für viele Leute immer noch als Startup. Sind US-Unternehmen wie Facebook, twitter oder Dropbox oder deutsche Beispiele wie trivago, Spreadshirt, Momox trotz eines Alters von 10 Jahren und mehr noch Startups oder eher Digitalunternehmen?

Was können wir also daraus lernen?

Viele der zuvor genannten Beispiele zeigen, dass Startup nicht gleich Startup ist. Wir müssen akzeptieren, dass wir allenfalls eine grobe Vorstellung vom wirklich gemeinten Unternehmen haben, wenn uns jemand etwas über Startups erzählt oder man eine Studie dazu liest. Überraschend große oder kleine Zahlen und unerwartete Fakten sollte man erst bestaunen, wenn man genauer weiss wie sie zustande gekommen sind. Umso wichtiger ist es, bei der Verwendung des Begriffs in Studien, wissenschaftlichen Arbeiten, journalistischen Berichten und politischen Initiativen genau zu definieren, was man selbst unter dem Begriff versteht. Wird dies nicht genauer gesagt, sollte man im Zweifel nachfragen. Auch eine Unterscheidung zwischen Startups und Digitalunternehmen wie IT-Agenturen oder ehemalige Startups älter als zehn Jahre erscheint sinnvoll. Auf jeden Fall sollte man bewusst damit umgehen, dass der Begriff schwammig ist und Unternehmen auch nach der Gründung noch zum Startup werden können und nicht jedes Unternehmen, was wir heute als Startup bezeichnen, in naher Zukunft auch noch ein Startup ist – je nach Definition halt.

About the author

Following positions at B2B- businesses in IT and wholesale he worked for 2,5 years at HHL and the SMILE startup initiative in the field of entrepreneurship and as freelance consultant. He holds a MSc from Leipzig University and a PhD from HHL.

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